Unser Mitarbeiter, Sebastian, hat ein außergewöhnliches Hobby – Motorkunstflug.
Hierfür hat er in den letzten 4 Jahren in seiner Werkstatt mit viel Leidenschaft und Energie einen Doppeldecker wieder aufgebaut. Mit seinem Schmuckstück nimmt er dieses Jahr an der Deutschen Meisterschaft im Motorkunstflug teil.
Wie Sebastian zu seiner Leidenschaft fand, was die Geschichte hinter seinem Doppeldecker ist und wie die Deutsche Meisterschaft abläuft, können Sie in seinem Artikel auf unserer Homepage lesen.

Vorgeschichte

Vor rund 11 Jahren entdeckte ich den 1981 aus einem Bausatz von zwei deutschen Ingenieuren gebauten Doppeldecker unter einer dicken Staubschicht in einem Hangar am Flugplatz Worms. Nach einiger Recherche konnte ich den Besitzer ausfindig machen und mit ihm die Zukunft des Flugzeugs diskutieren. Die Pitts wurde vom Luftfahrt-Bundesamt 2011 zwangsabgemeldet, nachdem die jährliche Lufttüchtigkeitsprüfung nicht rechtzeitig erfolgte. Glücklicherweise war das Kennzeichen, welches auf Rumpf und Tragfläche lackiert wurde, noch nicht anderweitig vergeben worden und konnte für eine Wiederzulassung reserviert werden. Doch bis dahin sollten noch einige Jahre ins Land gehen. Erst Anfang 2020 konnte sich der Besitzer davon emotional trennen und hat sie zum Verkauf angeboten.

Es folgte ein Zerlegen und fachgerechtes Befunden aller Teile. Schnell war klar, dass recht kostspielige Investitionen notwendig waren. Unter anderem waren die Zylinder an den Innenwänden blank – ein Zeichen dafür, dass der Motor nicht sorgfältig eingeflogen worden ist. Normalerweise sollte hier ein gut sichtbarer Hohnschliff über Kreuz sichtbar sein, der sowohl die Reibung verringert als auch den Wärmeabtransport gewährleistet. Eine Überholung der Zylinder wurde notwendig, nebst neuen Reifen, Schläuchen, einer Überholung des Verstell-Propellers, neuem Funkgerät und Transponder und vielen, vielen anderen Details.

Bild 1 Scheunenfund

Die Pitts Special 

Die Pitts Special ist ein Kunstflugdoppeldecker, der von Curtis Pitts (1915–2005) entwickelt wurde. Die Konstruktion ist in traditioneller Gemischtbauweise ausgeführt, d. h. ein geschweißter Stahlrohrrumpf und Tragflächen aus Holz. Die ersten Entwurfsarbeiten an der Ur-Version begannen bereits 1942. Der Erstflug fand 1945 statt, mit einem Motor, der gerade einmal 55 hp (ca. 56 PS) hatte. Das Leergewicht betrug etwa 500 lb (ca. 227 kg).
Die Pitts Special ist der Inbegriff des Kunstflugdoppeldeckers. Der erste Kunstflugeindecker, der an die Leistungen der Pitts herankam, war die Jakowlew Jak-50. Seit dem Erstflug 1945 haben sich die Pitts – von der stärkeren Motorisierung und einigen aerodynamischen Verbesserungen an Tragflächen und Steuerelementen abgesehen – kaum verändert. Curtis Pitts baute zuvor zahlreiche Eindecker für Luftrennen. Die Pitts Special wurde zunächst als Einzelstück gebaut. Der Einsitzer verfügte zwar nur über 55 hp, war aber dennoch kunstflugtauglich. Nach dem Einbau eines 90-hp-Motors (ca. 91 PS) wurde der Kunstflug immer angenehmer. Im Jahr 1947 baute er schließlich den zweiten Doppeldecker Little Stinker mit 85 hp (ca. 86 PS), den ihm die amerikanische Kunstfliegerin Betty Skelton sofort abkaufte und mit dem sie zahlreiche Titel bis 1950 errang, was den Ruhm der Pitts begründete. Fortan waren die Pläne der Pitts in der Eigenbauszene hoch geschätzt.
Erst 1971 wurde die S2A, die doppelsitzige Pitts, entwickelt (Big Stinker), die mit 203 PS im Vergleich mit der damals 182 PS starken, kleineren S1 etwas zu müde wirkte. Erst in der S2B brachte ein Sechszylinder aus 8,9 l Hubraum 260 hp (ca. 264 PS) ein der S1 vergleichbares Fluggefühl.

Bild 5 Flott ist sie

 Zugelassene Versionen der kompakten Pitts Special werden noch immer von der Firma Aviat in Afton, Wyoming hergestellt. Die Fertigung der einsitzigen Versionen S1T und S1-11B erfolgt nur noch auf Anfrage. Pläne für die Versionen S1S und S1-11B können jedoch noch bei Aviat erworben werden. Lediglich die zweisitzige S2C mit 260 hp (ca. 264 PS) und ca. sechs Meter Spannweite ist noch „vom Band“ zu bekommen.
Die von mir (selbst) geflogene Pitts S-1S hat einen luftgekühlten Lycoming 4-Zylinder-Boxermotor mit 5,9 L Hubraum und 200+ PS Leistung. Das Leergewicht beträgt ca. 380 kg und erreicht im horizontalen Reiseflug bei 75% rund 150 kts Geschwindigkeit (ca. 278 km/h)

Endlich wieder flugbereit

Bild 2 Motorüberholung die zweite

 Ende 2023 war es dann endlich soweit und die Pitts hat sich wieder in die Luft erhoben, doch bis zu einem Überführungsflug zurück nach Worms sollte es wetterbedingt bis Ende Februar 2024 dauern. Die Feuerprobe hat dann leider direkt einen Schaden am linken, vorderen Zylinder aufgedeckt, der einen nicht unerheblichen Ölverlust mit sich brachte. Wodurch der Schaden verursacht wurde, ist nicht mehr nachvollziehbar – aber ignorieren konnte man ihn nicht, so dass der Zylinder nochmals in der Fachwerkstatt nachgearbeitet werden musste.
Mitte April konnte ich nun endlich mit dem Einfliegen beginnen – mindestens 75% konstante Leistung schreibt der Motorenhersteller hier für die ersten 25 Flugstunden mit einem speziellen, unlegierten Einlauf-Öl vor.

 

In KW 24 diesen Jahres fand in Reinsdorf an der südwestlichen Ecke von Berlin ein kleines Kunstflug-Trainingslager statt, an dem das System und ich selbst nochmal auf Herz und Nieren prüfen konnte, was in zwei Wochen KW 26 auf mich zukommt – die Deutsche Meisterschaft im Motorkunstflug.

 

Bild 4 Motor wieder zusammengebaut

Bild 7 Putzen in Worms

Hier wird in vier verschiedenen Klassen der Deutsche Kunstflugmeister erflogen. Ich nehme in der Sportsman-Kategorie teil – große Erwartungen auf den Sieg habe ich nicht, da ich noch zu wenig Erfahrung auf der Pitts hat. Aber ich erhoffe mir, dass ich das Flugzeug sauber und präzise vor den 7 Schiedsrichter*innen präsentiere und dabei viel lernen kann

Bild 6 Rückflug aus Reinsdorf

Sportsman-Kategorie

 In der (Einsteiger-)Sportsman Kategorie müssen die Wettbewerbsteilnehmer*innen vor einer 7-köpfigen Jury bestehend aus erfahrenen Schiedsrichter*innen im Wettbewerbskunstflug zwei bekannte Programme und ein unbekanntes Programm vorfliegen. Hierbei geht es nicht nur um das exakte Erfliegen der einzelnen Figuren, sondern auch um die günstige Positionierung innerhalb der 1km x 1km x 1km messenden Kunstflugbox.
Wenn man mit über 300 km/h durch die Box fliegt, wird dieser Raum sehr schnell sehr klein. Die Schiedsrichter*innen wollen kaum den Kopf bewegen und so ist es besonders wichtig, möglichst im direkten Blickfeld die Figuren zu fliegen, und dies windkorrigiert und winkelkorrigiert, was nicht immer ganz einfach ist.

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Das erste bekannte Programm sieht so aus: 

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Und das zweite Programm so: 

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Wer Zeit hat und zufällig in der Gegend rund um Brandenburg ist, kann sich die Meisterschaft gerne ansehen. Besonders Schmankerl wird der Unlimited Freestyle Wettbewerb am Samstag vor der Siegerehrung sein, in dem die Pilot*innen der höchsten Kategorie all ihr Können in einem selbst erarbeiteten Programm den Schiedsrichter*innen und Zuschauer*innen vorführen.

Link zum Wettbewerb: https://www.kunstflugverband.de/wettbewerbe/

Update: Sebastian hat erfolgreich den 2. Platz der Sportsman-Kategorie erflogen. Wir gratulieren herzlich und freuen uns, dass wir ihn mit dem gewährten Sonderurlaub unterstützen konnten!